Dauner Thesen 2018: Ländliche Räume als Kulturorte par excéllence

    verabschiedet im Nachgang des 7. WEGE-Symposiums am 8.11.2018 in Daun

    Einleitung

    Aktuell wird das Themenfeld „Kultur in ländlichen Räumen – Kultur im Wandel“ bundesweit breit diskutiert.

    Dabei wird Kultur als wichtiger Teil der Strukturentwicklung einer Kommune oder einer Region gesehen. Kultur kann als wichtiger Standortfaktor einen Beitrag zur Stärkung ländlicher Räume leisten.

    Unter dem Stichwort „Kultur im Wandel“ wird insb. die Frage diskutiert, welche Rolle öffentliche Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen zukünftig einnehmen werden. Diskutierte Ansatzpunkte zur Weiterentwicklung dieser Kultureinrichtungen gehen in Richtung Beteiligung der Bürger, Vernetzung mit kulturellen Akteuren und der Entwicklung eines breiteren Angebots- und Aufgabenspektrums.

    Ein Beispiel für die Beachtung des Themas Kultur in ländlichen Räumen im bundesweiten Diskurs ist der TRAFO -Ideenkongress zu Kultur, Alltag und Politik auf dem Land in 2018. Hier diskutierten Kulturakteure und Künstler mit Vertretern unterschiedlichster Disziplinen über den Wandel von Kultur und ihre Zukunft auf dem Land und in kleinen Städten. Es ging um das Selbstverständnis und neue Aufgaben von Kultureinrichtungen, zukunftsweisende Fördermöglichkeiten für die Kultur und die Entwicklung neuer Ideen für ein lebendiges Kulturangebot in ländlichen Räumen.

    Die Verbandsgemeinde Daun hat sich ebenfalls in den letzten Jahren mit dem kulturellen Wandel beschäftigt. Dies findet sich in den Dauner Thesen 2014 „Sorgende Gemeinschaften als neue Solidargemeinschaften in ländlichen Räumen“ und 2016 „Die ländliche Kommune als Potenzialentfaltungsgemeinschaft“. Hier konnte aufgezeigt werden, wie wichtig Kultur in der Gestaltung eines Veränderungsprozesses ist. Künstlerische und kulturelle Aktivitäten tragen dazu bei, einen Veränderungsprozess greifbar und emotional erlebbar zu machen. Auch führen sie zu einer Auseinandersetzung mit den Normen, Werten und der Kultur des Zusammenlebens und -wirkens in der Kommune.

    In diesen bundesweiten Diskurs ordnet sich das 7. WEGE-Symposium „Ländliche Räume als Kulturorte par excéllence“ ein und greift den Zusammenhang von Kultur und Resilienz auf. Ausgangspunkt der Auseinandersetzung war jedoch zunächst eine Verständigung über den Kulturbegriff, der für ländliche Räume wie folgt gefasst wurde:

    Kultur in ländlichen Räumen umfasst ein weites Spektrum. Sie reicht vom Erleben, Reflektieren, Gestalten und Schaffen von
    „Hochkultur“ über die kulturelle Identität in Sprache, Brauchtum und Landschaft bis hin zur gelebten Alltagskultur in Familien, Gemeinschaften und Vereinen.

    Das kulturelle Gedächtnis in ländlichen Räumen besteht sowohl aus dem allgemeinen kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft als auch aus der zumeist noch undokumentierten, „verborgenen“ Geschichte der Persönlichkeiten und Familien der eigenen Region. Ländliche Räume haben eine eigene Erinnerungskultur.

    Kultur schafft Ereignisse und Gelegenheiten menschlicher Begegnung. Sie lebt von Aufführungen und Proben, Reflektion und Diskurs, Lachen und Weinen, Kontemplation und Ekstase, Essen und Trinken und vielen Momenten des Miteinanders von Menschen.

    Kultur benötigt und bildet Kompetenzen. Es bedarf erlernter Fähigkeiten und Fertigkeiten, um an ihr mitzuwirken oder sie zu verstehen. Die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens oder Rechnens gehören ebenso dazu wie die Schulung der menschlichen Sinneswahrnehmungen und die Schaffenstechniken der Künste. Das Erlernen von Instrumenten, das stetige Üben, Ausführen und Wahrnehmen des Schauspielens, Tanzens, Malens, Bildhauens, Dichtens oder Schreibens ist nicht allein auf eine Hochkultur beschränkt, sondern auch Subkulturen und regional tradierte Kulturen benötigen und bilden besondere Kompetenzen.

    Kultur umfasst auch Wahrnehmungen und Erkenntnisse, die mittels Sprache nicht zum Ausdruck gebracht werden können.
    Hier stiftet sie Gemeinschaft, wo der Einzelne mit seinen Fragen sonst allein bleibt.

    Von Menschenhand geschaffene Kulturlandschaften prägen die ländlichen Räume. Sie sind Orte der Identität der in ihnen lebenden Menschen, die sich mit ihnen identifizieren.

    Dauner Thesen 2018

    1. Kultur ist das, was vom Menschen geschaffen wird:
    Kultur in ländlichen Räumen umfasst ein weites Spektrum und reicht von der „Hochkultur“ bis zur „Lebenskultur“, der Alltagskultur und der Kultur des Zusammenlebens. Kultur ist das, was Menschen geschaffen und mit Sinn versehen haben.

    2. Kultur ist kein Luxus, sondern eine Notwenigkeit menschlichen Lebens:
    Das ureigene Bedürfnis des Menschen „sich auszudrücken“ schafft Ereignisse und Orte gelebter Kultur. Kultur trägt zur Wertefindung und einem positiven Lebensgefühl bei, schafft Verbundenheit und vor allem Sinnhaftigkeit. Zugleich ist Kultur ein Akt der Hoffnung gegen den Tod.

    3. Kultur als Selbstwirksamkeitserfahrung:
    Kultur lebt von Beteiligung. Selbst kulturell tätig zu werden bedeutet, einen Teil von sich zu offenbaren, sich selbst einzubringen. Dies geht mit der Erfahrung der Selbstwirksamkeit einher und erhöht die Mitwirkungsbereitschaft an der Gestaltung des Lebensumfeldes. Die Resilienz der Kommune wird somit gestärkt.

    4. Kultur im Austausch:
    Kulturell findet oftmals im Austausch mit anderen statt, gemeinsam wird etwas gestaltet. So entstehen neue Kontakte und Netzwerke. Netzwerke erhöhen die Resilienz ländlicher Räume.

    5. Kultur ist Wandel:
    Kultur ist ein Medium der gesellschaftlichen Auseinander-setzung. Damit wird immer wieder auch die Notwendigkeit von Veränderung aufgezeigt. Kultur trägt damit dazu bei, dass die ländlichen Räume lernen mit Wandel umzugehen. Damit leistet Kultur einen Beitrag zum Aufbau resilienter Strukturen in ländlichen Räumen.

    6. Freiraum für Kultur:
    Ländliche Räume bieten optimale Voraussetzungen für Künstler und Kulturschaffende. Sie verfügen über Freiraum, in dem sie sich verwirklichen können. Dies gilt nicht nur für die die ländlichen Räume prägende Kulturlandschaft, sondern auch für die bestehenden Potenziale im Innenbereich wie leerstehende Gebäude oder nicht ausgelastete Bürgerhäuser.

    7. Orte der Lebenskultur:
    Ländliche Räume haben das Potenzial, sich als Orte künstlerischen Wirkens und als Orte der Lebenskultur zu profilieren. Lebenskultur umfasst Aspekte wie eine Kultur der Höflichkeit und Hilfsbereitschaft, eine Kultur des wertschätzenden Miteinanders aber auch Aspekte wie das Brauchtum oder die Esskultur einer Region.

    8. Multifunktionale Potenzialentfaltungsräume:
    Der Mensch ist lebenslang kulturell tätig. Damit dies im Laufe des Lebens so bleibt, erfordert es Umgebungen, die Kreativität und schöpferische Tätigkeit vom Kindesalter an fördern und erhalten. Dies setzt voraus, dass passende Räumlichkeiten zur Verfügung stehen. In ländlichen Räumen müssen solche Umgebungen meist noch geschaffen werden. Dafür benötigen sie offene Räume für Austausch und Begegnung, Werkstätten zum künstlerischen Schaffen, Proberäume für Bands und Chöre und vieles mehr. Solche Räume sollen mittels basisdemokratischer Entscheidungsstrukturen organisiert werden.

    9. Raum für Subkulturen:
    Junge Menschen in ländlichen Räumen müssen ihre eigene Kultur gestalten können. Hierzu benötigen sie ausreichend Freiraum, Zutrauen in ihre Fähigkeiten, Wertschätzung und Respekt. Bei Bedarf können Erwachsene als Coach, Ratgeber, Ansprechpartner oder Ermutiger zur Verfügung stehen.

    10. Kultur braucht frischen Wind:
    Vereine und andere Kultureinrichtungen in ländlichen Räumen müssen sich stärker für die Sichtweisen jüngerer Generationen öffnen. Die Jüngeren können mit ihrer Kreativität zu einem auch zukünftig lebendigen Kulturangebot beitragen. So können alle voneinander profitieren, indem die Kreativität und das Wissen der Jüngeren mit der Erfahrung und der Weisheit der Älteren zusammengeführt werden.

    11. Kultur als kommunale Kernaufgabe:
    Um der großen Bedeutung von Kultur für die Zukunftsfähigkeit ländlicher Räume gerecht zu werden, muss Kultur stärker im kommunalen Aufgabenspektrum verankert werden. Die Einrichtung eines Kulturdezernates, einer Stabstelle Kultur oder die Entwicklung einer Rückgratorganisation Kultur (nach dem Vorbild der Sorgenden Gemeinschaften) können in diese Richtung wirken. Je nach Größe der Kommune kann dies auch in interkommunaler Zusammenarbeit erfolgen. Netzwerkarbeit und Koordination, die Generierung von Finanzund Fördermitteln sowie die Kommunikation des Kulturangebotes nach innen und außen sind hier wichtige Aufgaben. Damit die Kommunen diese wichtige Aufgabe auch angemessen wahrnehmen können, müssen sie seitens der Länder dazu in die Lage versetzt werden.

    Die Dauner Thesen wurden im Rahmen des 7. WEGE-Symposiums am 08.11.2018 in der Verbandsgemeinde Daun diskutiert und im Nachgang verabschiedet.

    Das WEGE-Symposium ist ein Einladungs-Fachworkshop, auf dem Fragen der visionären Regionalentwicklung und der Gestaltung von Veränderungsprozessen in ländlichen Räumen diskutiert werden.

    Die Dauner Thesen haben beschlossen:

    • Gerd Becker, ehrenamtlich tätiger WEGE-Botschafter und 1. Vorsitzender des Vereins Bürger für Bürger e.V.
    • Dr. Tim Becker, Institut Denkunternehmung, Daun
    • Markus Göbel, Gemeindereferent Katholische Kirchengemeinde Daun, Koordinierungsstelle Dauner Viadukt von Jung bis Alt
    • Dr. Maren Heincke, Zentrum Gesellschaftliche Verantwortung (ZGV) der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Mainz
    • Prof. Dr. Gerhard Henkel, Universität Duisburg-Essen, Institut für Geographie und Humangeograph und Autor
    • Rüdiger Herres, Jugendpfleger VG Daun
    • Mark Herzog, Leiter Kultur+ im Saarpfalz-Kreis
    • Werner Klöckner, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Daun
    • Markus Kowall, LAG-Manager der LEADER-Region Vulkaneifel
    • Rainer Laupichler, Schauspieler und Geschäftsführer Eifel-Kulturtage e.V. der Eifel-Kulturtage
    • Prof. Axel Lorig, Ministerialrat a.D., Honorarprofessor und Lehrbeauftragter an der Hochschule Mainz
    • Sven Nieder, Fotograf
    • Andreas Rötering, Caritasverband Westeifel, Dienststellenleiter Daun
    • Jutta Schulte-Gräfen, Künstlerin aus Daun, Vorsitzende der Künstlergruppe SternwARTe Vulkaneifel e.V.
    • Caroline Seibert, IfR Institut für Regionalmanagement
    • Doris Sicken, Mitarbeiterin der VGV Daun, Grundsatzkoordination
    • Angela Simon, Bürger für Bürger e.V.
    • Dr. Andrea Soboth, IfR Institut für Regionalmanagement
    • Jean-Martin Solt, Vorsitzender Transcultur e.V. Trier
    • Dr. Sabine Theunert, Vorsitzende der LAG Vulkaneifel
    • Daniel Weber, Mitarbeiter der VGV Daun, WEGE-Büro
    • Verena Welter, Mitarbeiterin der VGV Daun, WEGE-Büro

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