Dauner Thesen 2020

    Die CORONA-Krise im Jahr 2020 hat die Welt fest im Griff, sie verändert das Leben aller in Dörfern, Städten und Regionen. Ländliche Veränderungsprozesse müssen sich darauf einstellen.

    Wurden diese bislang vor allem unter dem Eindruck des gesellschaftlichen oder ökologischen Wandels diskutiert, kommen mit der weltweiten CORONA-Pandemie neue Herausforderungen hinzu. Infektionsschutz, die Sicherung der Gesundheitsversorgung, Einschränkungen der Grundrechte wie wirtschaftliche Härten für manche Branchen sind hier exemplarisch zu benennen. Wie geht der Einzelne, wie geht die lokale Gemeinschaft mit diesen Herausforderungen um? Sind Menschen, Familien, Nachbarschaften und Dorfgemeinschaften so aufgestellt, dass sie diese Krise bewältigen können? Welche Lernprozesse werden durch die aktuelle Krise befördert? Oder anders ausgedrückt: Wie resilient ist der Einzelne bzw. seine lokale Gemeinschaft und welche Faktoren unterstützen die Resilienz in ländlichen Räumen?

    Unter Resilienz wird in diesem Zusammenhang grundsätzlich die Fähigkeit von Systemen, Krisen zu meistern und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, verstanden. Es geht also darum angemessen mit Krisen umzugehen, daraus zu lernen und sich selbst zu erneuern.

    Die Verbandsgemeinde Daun mit ihren 38 Ortsgemeinden beschäftigt sich in ihrem WEGE-Prozess seit mehreren Jahren mit der Frage von resilienten Dörfern und hat dazu in den letzten Jahren verschiedene WEGE-Symposien ausgerichtet.

    In den Dauner Thesen 2020 soll nachfolgend – aufbauend auf dem bisherigen Diskurs – herausgearbeitet werden, wie die Methode und Haltung der Themenzentrierten Interaktion couragiertes Handeln in der Krise befördern kann.

    Die Themenzentrierte Interaktion (TZI) wurde von der deutschen Jüdin Ruth Cohn, die bereits 1933 in die Schweiz und 1941 in die USA emigrierte, vor dem Eindruck des Holocaust entwickelt. Die TZI stellt sowohl ein gesellschaftspolitisches Konzept für den Umgang mit der Krise (hier der 2. Weltkrieg) als auch ein didaktisch-pädagogisches Modell für effektives gemeinsames Lernen und Arbeiten dar.

    Die wesentlichen Elemente der TZI lassen sich im Überblick u.a. durch folgende Aspekte beschreiben.

    Die TZI verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und geht davon aus, dass jede Gruppe (Arbeitsgruppe, Dorfgemeinschaft oder auch Gesellschaft) durch vier Faktoren bestimmt ist (Vier-Faktoren-Modell), die in einer dynamischen Balance gehalten werden müssen. Die Person (Ich), die Gruppeninteraktion (Wir), die Aufgabe (Es) und das Umfeld (Globe) sind dabei im Gleichgewicht zu halten. Zur dynamischen Balance gehört das Wechselspiel aus intellektueller und emotionaler Beteiligung, Anspannung und Entspannung, zwischen Reden, Schweigen und Tun. Wertschätzung, WIR-Gefühl und die Begegnung auf Augenhöhe sind dabei besonders wichtig. Eine geeignete Themenauswahl und eine partizipierende Leitung ermöglichen in konkreten Arbeitszusammenhängen einen erfolgreichen und wertschätzenden Arbeitsprozess.

    Darüber hinaus sieht die TZI den Einzelnen in der Verantwortung (Chairperson-Postulat) und fordert zur Selbstleitung auf. Dies bedeutet u.a. sich der inneren und äußeren Wirklichkeit bewusst zu werden, Sinne, Gefühle und Gedanken zum Verständnis von sich selbst und der Umwelt zu nutzen. Vor allem aber, Entscheidungen zu treffen und die Verantwortung dafür zu übernehmen!

    Im Bewusstsein, dass Selbstbestimmung immer auch inneren und äußeren Bedingungen unterliegt, formuliert die TZI das zweite Postulat (Störungs-Postulat): Störungen nehmen sich Vorrang. Störungen können aus inneren Vorgängen (körperliche, emotionale, rationale Gründe) aber auch äußeren Begebenheiten (ökologische, politische, soziale, physische Gründe) resultieren. Störungen, die ignoriert werden, spielen sich in den Vordergrund und behindern. Sie sind daher ernst zu nehmen und zu bearbeiten, bevor sich dem eigentlichen Thema wieder zugewandt werden kann.

    Diese Elemente sind nicht nur im gemeinsamen Lernen und Arbeiten zu berücksichtigen, sie sind auch die Grundlage für den gesellschaftspolitischen Handlungsrahmen der TZI und finden dort Anwendung. Grundsätzlich basiert die TZI auf einem humanistischen Weltbild, die durch folgende Axiome beschrieben werden:

    1. Der Mensch ist eine psycho-biologische Einheit. Er ist auch Teil des Universums. Er ist darum gleicherweise autonom und interdependent. Die Autonomie des Einzelnen ist umso größer, je mehr er sich seiner Interdependenz mit allen und allem bewusst ist.

    2. Achtung gebührt allem Lebendigem und seinem Werden und Vergehen. Respekt vor dem Wachstum bedingt bewertende Entscheidungen. Das Humane ist wertvoll; Inhumanes ist wertbedrohend.

    3. Freie Entscheidung geschieht innerhalb bedingender innerer und äußerer Grenzen. Erweiterung dieser Grenzen ist möglich.

    Der gesellschaftspolitische Anspruch ist es somit, Menschen couragiertes Handeln zu ermöglichen und Veränderungsprozesse auszulösen. Das Ziel ist der Wandel hin zu einer humanen Gesellschaft. Dieser Anspruch wird seither von der Themenzentrierten Interaktion im gesellschaftlichen Diskurs verfolgt und findet Anwendung bei heutigen Herausforderungen.

    Das Jahr 2020 mit der weltweiten CORONA-Pandemie kann somit als aktueller Anwendungsfall gelten, bei dem wie unter einem Brennglas der Umgang mit einer Krise verdeutlicht werden kann. Der Erkenntnisgewinn zur Bedeutung der TZI mit Blick auf resiliente Dörfer geht jedoch über die Pandemie hinaus, da andere krisenhafte Erscheinungen, wie bspw. durch den Klimawandel ausgelöst, weiterhin bewältigt werden müssen.

    In die Diskussion um die Ausformulierung der Dauner Thesen 2020 ist insb. der Vortrag von Prof. em. Dr. Matthias Scharer, Professor der Religionspädagogik der Universität Innsbruck sowie Lehrbeauftragter des Ruth Cohn Institutes for TCI international eingegangen. Matthias Scharer betreut zusammen mit seiner Frau Michaela den Nachlass von Ruth Cohn.

    Die Dauner Thesen 2020 stellen im Überblick die Erkenntnisse des WEGE-Symposiums zur Bedeutung der TZI hinsichtlich eines couragierten Handelns in der Krise zusammen.

    Eingeflossen sind dabei auch die vielfältigen Erfahrungen mit der TZI, die im WEGE-Prozess der VG Daun von 2011 bis 2020 gemacht werden konnten. Die Haltung und Methode der TZI ist durch Werner Klöckner in diesen Jahren in den WEGE-Prozess eingebracht und als festen Orientierungs- und Gestaltungsrahmen verankert worden. Mitarbeitende in der Verwaltung, interessierte Personen und Leistungsträger vor Ort konnten durch ein breites Qualifizierungsangebot in vielen unterschiedlichen Formaten die TZI kennenlernen. Bürgerinnen und Bürger in vielen Ortsgemeinden konnten über Zukunftskonferenzen und anschließende selbstorganisierte Arbeitsgruppen ebenfalls Kontakt aufnehmen, waren doch gerade die Zukunftskonferenzen auf Grundlage der TZI konzipiert. 

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